Dem Nashorn auf der Spur - 07.06.10
Alle halten den Atem an. Was für ein Koloss! Gut 16 Zentner geballter Kraft schieben sich dort den Hang entlang. Den Schwanz erregt aufgerichtet, den wuchtigen Kopf mit den mächtigen Hörnern hin und her wendend, misstrauisch den Wind prüfend. 'Keine Bewegung', signalisiert Gammy, unser Tracker. Etwa 200 Meter vor uns bleibt der Dickhäuter stehen. Schnaubt. Hebt den Kopf. Wendet sich dann nach links und geht gemächlich den Hang entlang. Gammy nickt uns aufmunternd zu: "You can take photos now."

Bei dem Koloss handelt es sich um ein Spitzmaul-Nashorn, das wir auf einer Rhino Tracking Tour aufgespürt haben. Zu Fuß, in freier Natur, ohne Zaun, auf gleicher Augenhöhe. Ein Erlebnis, das man mit Worten nicht treffend schildern kann. In die Euphorie über die erfolgreiche Suche mischt sich Ehrfurcht gegenüber der Kreatur, die hier, in ihrem Reich, stärker ist als wir. Angst brauchen wir allerdings nicht zu haben, denn unsere Tracker achten stets auf genügend Abstand, zu unserer Sicherheit und - noch wichtiger - der des Nashorns.
Spannende Suche: Wo ist das Nashorn?
Aber nicht nur das Tier selbst, sondern auch der Ort der Begegnung ist es, was uns mit tiefer Freude erfüllt: Ein Hang im
Gondwana Cañon Park östlich vom
Fischfluss Canyon, im tiefen Süden Namibias. In dieser Gegend wurde vor rund 200 Jahren das letzte Spitzmaul-Nashorn erlegt. Wir genießen also ein Erlebnis, auf das sechs Generationen in diesem Gebiet haben verzichten müssen.
Erst im April 2009 kehrte diese Tierart an den Canyon zurück. Im
Gondwana Cañon Park wurden vier Spitzmaul-Nashörner ausgesetzt. Sie stammen aus dem
Etosha Nationalpark und im
Damaraland. Nach der Fangaktion wurden sie in einer Boma gehalten und gefüttert, um sie zu stärken für die anstrengende Reise. Dann ging es in Spezialcontainern mehr als 1.200 km quer durchs Land, in Begleitung eines Tierarztes, der den Zustand der Tiere immer wieder prüfte. Nach ihrer Ankunft blieben sie ebenfalls in einer speziell errichteten Boma, um sich zu beruhigen und an die neue Umgebung zu gewöhnen. Die Umsiedlung war monatelang vorbereitet, das Team des
Gondwana Cañon Parks gründlich geschult worden.
Erhebender Anblick: Eines der vier Spitzmaul-Nashörner im Gondwana Cañon Park
Hintergrund ist das Patenschafts-Programm des Ministeriums für Umwelt und Tourismus, mit dem diese Tierart in möglichst vielen Gebieten des Landes wieder angesiedelt werden soll, in denen sie einst vorkam. Nachdem Spitzmaul-Nashörner vor etwa 40 Jahren in Namibia vom Aussterben bedroht waren, haben sich die Bestände im
Etosha Nationalpark und im
Damaraland soweit erholt, dass dort Tiere für die Umsiedlung gefangen werden können. Interessenten kaufen die Nashörner nicht, sondern erwerben eine Patenschaft. Allerdings tragen sie die Kosten für Fang und Transport. Außerdem müssen sie viele Voraussetzungen erfüllen, die von Naturschutzbeamten streng kontrolliert werden. Dazu zählen genügend Fläche und Nahrungspflanzen, ausreichend geeignete Wasserstellen und effektiver Schutz vor Wilderern. Außerdem müssen 'Paten' die Nashörner vor möglicher Wilderei schützen und regelmäßige Berichte über den Zustand der Tiere einreichen.

Bei den vier Spitzmaul-Nashörnern handelt es sich um zwei Bullen und zwei Kühe. Ein Bulle ist neun Jahre alt und damit geschlechtsreif, während der andere mit seinen knapp fünf Jahren noch kein Konkurrent ist. Die beiden Weibchen stehen mit einem Alter von etwa viereinhalb Jahre am Beginn ihrer Geschlachtsreife. Bessere Voraussetzungen kann man sich für die Nachzucht nicht wünschen. Bereits vier Monate nach der Freilassung wurden zwei Nashörner bei einem Paarungsversuch beobachtet. Ein untrügliches Zeichen, dass sich die Tiere in ihrem neuen Lebensraum gut eingelebt hatten und sich wohlfühlten. Wenn auch weiterhin alles gut läuft, könnte MET in ein paar Jahren weitere Nashörner in der Canyon-Gegend ansiedeln, sowohl im Ai Ais Richtersveld Transfrontier Park als auch im
Gondwana Cañon Park. Da der Grenzzaun an vielen Stellen durchlässig ist, mag das dann der Start einer Population an Spitzmaul-Nashörnern im Süden sein.
Gäste des
Gondwana Cañon Parks können die Nashörner neuerdings auf Rhino Tracking Touren aufspüren und beobachten. Die Touren dauern 4 bis 5 Stunden. Erst geht es mit dem Wagen in das Gebiet, in dem sie sich aufhalten, dann läuft man zu Fuß. Geschulte Tracker führen die Gäste und achten streng darauf, dass man die Tiere nicht stört oder gar aufschreckt. Bereits die Suche ist ein Erlebnis: Man erfährt viel über das Spitzmaul-Nashorn und seinen Lebensraum, liest Spuren und pirscht sich vorsichtig durch das Gelände. Erblickt man dann schließlich eines dieser majestätischen Tiere, ist das Abenteuer perfekt...
An der Rhino Tracking Tour können nur Gäste einer der Unterkünfte im
Gondwana Cañon Park teilnehmen. Bei der Buchung bitte angeben.