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Wer hat Angst vor Klaas Pieters?

Avatar of inke inke - 01. Mai 2015 - Entdecken Sie Namibia

Ein einfaches Holzkreuz kennzeichnet das Grab des berüchtigten Nhadiep.

Die Erwähnung des berüchtigten Nhadiep ruft im namibischen Süden immer noch ein Schaudern hervor, selbst dreißig Jahre nach seinem Tod. Sofort sagt jemand: "Meneer, hou op van Nhadiep te praat" (hören Sie bloß mit dem Nhadiep auf). Denn als Kindern wurde ihnen gedroht: "Pass auf, dass dich der Nhadiep nicht holt." Dieser Gedanke war dermaßen Furcht einflößend, dass man lieber eine Tracht Prügel in Kauf nahm. 

Nhadiep war 18 Monate lang vor dem langen Arm des Gesetzes auf der Flucht. Im März 1982 fand die umfangreichste Fahndung in der Geschichte des Südens statt. Polizei, Armee und Luftwaffe suchten nach dem gefürchteten Mann. Alle "außer den U-Booten" waren auf der Suche, sagten die Farmer. Jedoch ohne Erfolg, wie man beschämt zugeben musste. 

Mit richtigem Namen hieß er Klaas Pieters, bisweilen wurde er auch Klaas Tekkies genannt. Den Spitznamen Nhadiep, in dem das afrikaanse Wort 'nat' (nass) steckt, erhielt er, weil er als Kleinkind weinerlich war und sich häufig nass machte. Laut seiner Mutter hatte er Klumpfüße und zog seine eigene Gesellschaft vor, aber er schikanierte jüngere Kinder, wenn sie ihm zu nahe kamen. Ansonsten war er eher ruhig und fleißig und unterschied sich kaum von anderen Jungen seines Alters. 

Seine Tante in Grünau berichtet von einem Vorfall, der als Wende in seinem Leben gelten kann. Damals war Nhadiep ein junger Mann Anfang 20, der mit Gelegenheitsarbeiten Geld verdiente und sich dabei allerlei Fähigkeiten aneignete. An dem fraglichen Tag, der alles veränderte, wurde er von seinem Onkel auf einen Drink oder zwei in eine Shebeen eingeladen. Spät am Abend fingen sie an zu streiten. Plötzlich sprang der Onkel auf und verpasste Nhadiep eine Ohrfeige. Provoziert und aufgebracht zückte Nhadiep sein Messer, stach zu und rannte nach Hause. Die Nama, als großartige Erzähler bekannt, berichten heute noch, wie ihm die Nachricht von der Streiterei nach Hause folgte und sich schnell in dem kleinen Dorf verbreitete. Der Satz "Nhadiep hat seinen Onkel erstochen" ging von Mund zu Mund, und jedes Mal wurde die Geschichte gewichtiger. Das Dorf summte vor Aufregung. 

Nhadiep wurde festgenommen und zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Als er wieder auf freiem Fuße war, stellte er fest, dass sich das Verhalten der Leute ihm gegenüber geändert hatte. Es dauerte nicht lange, bis er erneut in einen Streit geriet, diesmal mit einem jungen Mann aus dem Dorf. Nhadiep griff abermals zum Messer, und als seinem Gegner ein Freund zu Hilfe kommen wollte, stach er auch auf ihn ein. Wieder wurde er verhaftet. 

Als Wiederholungstäter in einem Gewaltverbrechen konnte er vor Gericht keine Nachsicht erwarten. Aus Furcht und Verzweiflung brach Nhadiep aus dem Gefängnis aus. Kurz darauf, am 15. Oktober 1980, stieg er in das Farmhaus von Goibib ein und entwendete zwei Gewehre. Als er von der Garage her ein Geräusch hörte, feuerte er blindlings in diese Richtung und erschoss dabei versehentlich die Farmarbeiterin Anna Paulus. 

In jener Nacht kehrte er in sein Heimatdorf zum Hause seiner Mutter zurück. Als er morgens aufwachte, warnte sie ihn, dass die Polizei bereits auf dem Weg sei. Es war das letzte Mal, dass sie ihren Sohn lebend sah. Wie alle anderen hörte sie fortan nur noch die Gerüchte und Geschichten, die im Süden die Runde machten. Auf der Flucht vor dem Gesetz gab es für Nhadiep kein Zurück mehr. Eine nichtige Auseinandersetzung im Rausch hatte eine Berg- und Talfahrt aus tragischen und gewalttätigen Vorfällen in Gang gesetzt, die ständig an Momentum gewann. 

Er floh in die Großen Karasberge und versteckte sich dort eineinhalb Jahre lang. Essen beschaffte er sich von den Farmen und tötete dabei zwei weitere Farmarbeiter, Johannes Son und Lukas Rooi. Andere kamen mit Verletzungen davon. Um der Polizei keine Spur zu hinterlassen, kletterte er über Felsen und Zäune und balancierte auf Rohrleitungen. Manchmal fand die Polizei sein Lager, die Asche glühte noch, aber keinerlei Anzeichen von Nhadiep. 

Bald begannen Gerüchte umzugehen, dass er von einer alten Buschmannfrau die Kunst gelernt habe, in eine andere Gestalt zu schlüpfen. Er könne sich in einen Dassie, ein Böckchen oder einen Vogel verwandeln, um der Festnahme zu entgehen, hieß es. Immer mehr Geschichten erzählten sich die Nama und verwoben sie mit ihrer großartigen mündlichen Überlieferung und Folklore, bis Nhadiep schließlich eine Legende geworden war und man nicht mehr wusste, wo die Wahrheit aufhörte und das Hörensagen begann. 

Eine Belohnung von 1000 Rand wurde auf Nhadieps Festnahme ausgesetzt. Die Gemeinschaften bildeten Kommando-Einheiten, um ihn aufzuspüren - angespornt von der Furcht, die er in den Ortschaften des Südens verbreitete. Sobald es dunkel wurde riefen Mütter ihre Kinder nach Hause und verschlossen die Türen. Nach wochen- und monatelangem Durchkämmen der Berge wurde die Suche schließlich eingestellt und die Armee zurückbeordert. Nur ein Mann wurde angewiesen, auf Nhadieps Spur zu bleiben, ein Feldwebel namens Coenraad (Doepie) du Preez. Er sollte Nhadiep zum Verhängnis werden. 

Die Nama allerdings erzählten sich in ihren Geschichten, die alte Buschmannfrau sei gestorben und dadurch habe Nhadiep seine Verwandlungsgabe eingebüßt. Als es dem Feldwebel am 26. April 1982 endlich gelang, Nhadiep zu stellen, standen sich zwei gleichstarke Gegner gegenüber und jeder von ihnen hätte das Duell gewinnen können. Nhadiep brüllte du Preez noch entschlossen die Drohung entgegen, dass er ihn töten werde, aber da zerriß ihm bereits ein Schuss das Gesicht, und mit seinem Leben endete die lange Saga des Südens.

Um die grassierende Angst zu beschwichtigen, wurde die Leiche aufgebahrt und die Öffentlichkeit ermutigt, sich den toten Nhadiep anzusehen. Obgleich es keinen Zweifel mehr geben konnte, dass Nhadiep tot war, wurde erzählt, dass jetzt sein Geist in den Karasbergen umgeht. Deshalb ruft die bloße Erwähnung seines Namens immer noch Furcht hervor. 

Sein Grab ist mit einem einfachen Holzkreuz markiert, drumherum wächst hohes fahles Gras. Nur seine Familie hält es noch in Ehren. Wenn sie von ihm sprechen, werden immer noch die Augen feucht. Angesichts ihrer bedingungslosen Liebe wird sein Fehlverhalten nichtig. 'Die Liebe stirbt nie' steht in krakeligen Buchstaben auf der Außenwand des einfachen Wellblechhäuschens bei Keetmanshoop, in dem seine alte Mutter lebt. Als Bekräftigung der Tatsache, dass die Liebe das Böse überdauert, sorgen diese vier Wörter für einen positiven Schimmer am Ende der Geschichte, während die Furcht immer noch in dunklen Ecken lauert.

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