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Eselskarren: die 4x4s im ländlichen Namibia

Avatar of inke inke - 02. Oktober 2015 - Entdecken Sie Namibia

Eine typische Donkeykarre des 21. Jahrhundert mit origineller Aufschrift. (Privatsammlung Mannfred Goldbeck)

Im aufstrebenden Afrika des 21. Jahrhunderts sind Minibus-Taxis, Busse und Bakkies (Autos mit Landefläche) beliebte Transportmittel für die breite Bevölkerung. Das gilt auch für Namibia, wo jedoch abseits vom Gewühl größerer Städte auf den Schotterstraßen ein ganz besonderes Transportmittel fester Bestandteil des Straßenverkehrs ist. Es bereitet vor allem Besuchern aus Städten oder aus dem Ausland Freude: die Eselskarre, von deutschsprechenden Namibiern auch liebevoll Donkeykarre genannt. 

In der heutigen Zeit, die durch den ständigen Anstieg der Benzinpreise und die hohen Kosten für Kraftfahrzeuge geprägt ist, bleibt die Eselskarre für die Bevölkerung in den ländlichen Gegenden erschwinglich. Sie bringt die Menschen von Dorf zu Dorf oder zu Wasserlöchern und Kliniken, manchmal sieht man sogar Kinder damit zur Schule fahren. Auf Eselskarren werden lebenswichtige Güter wie Wasser und Feuerholz transportiert. 

Donkeykarren sind ein fester Bestandteil des Lebensstils und der Kultur Namibias und bestimmen gewissermaßen das Tempo im gemächlichen ländlichen Alltag. Sie sind die Chevrolets und Subarus auf dem Land. Nicht selten tragen die 4x4s auf zwei Rädern sogar Namen wie Toyota, Ford, Opel oder gar Mercedes Benz. Das mag daran liegen, dass Teile der Eselskarren tatsächlich von diesen Automarken stammen. Früher wurden hölzerne Eselskarren noch eigens für diesen Zweck gebaut. Heute gibt es dagegen zahlreiche innovative Nachbauten, für die Autoteile wie die Fahrerkabine, die Hinterachse oder Reifen von Schrottplätzen verwendet werden. Da die Reifen oft nicht mehr die Neuesten sind, passiert es schon 'mal, dass eine Donkeykarre alle paar Kilometer anhalten muss, um sie nachzupumpen. Es spricht für die afrikanische Unerschütterlichkeit, dass auf Eselskarren humorvolle Sprüche wie 'Bring me home' (Bring mich heim), 'Barjero - it's a lifestyle' (Barjero [Pajero] - ein Lebensstil) oder 'King of the road' (König der Straße) geschrieben sind. 

Die Donkeykarren werden meistens von zwei, manchmal aber auch von bis zu fünf Eseln gezogen. Die Tiere tragen häufig originelle Namen, auf die sie - bekanntlich gelten Esel als stur - vermutlich nicht immer hören. 

Der Esel stammt vom Afrikanischen Wildesel (Equus asinus, oder auch: Equus africanus) ab und wurde vor etwa 5000 Jahren in Ägypten oder Mesopotamien domestiziert. Von dort aus trat er seinen Siegeszug als Pack- und Zugtier um die ganze Welt an. Während der Afrikanische Wildesel damals in ganz Nordafrika verbreitet war, gibt es heute nur noch wenige hundert Exemplare im nordöstlichen Afrika. Die Tierart gilt als hochgradig gefährdet. 

Ins südliche Afrika gelangten der Esel im 17. Jahrhundert. Die erste Ladung traf angeblich 1656 mit den holländischen Siedlern am Kap der Guten Hoffnung ein, nachdem dort eine Versorgungsstation für Schiffe entstanden war, die auf dem Weg von Europa ostwärts das Kap umrundeten. Ende des 18. Jahrhunderts brachten Siedler, die aus der Kapkolonie nordwärts zogen, vereinzelte Esel über den Gariep/Oranje ins heutige Südnamibia. Während der deutschen Kolonialzeit (1884-1915) wurden jedoch gezielt Esel ins Land geholt, um Maultiere zu züchten, die zunächst für militärische Zwecke und dann auf den Diamantfeldern eingesetzt wurden. 

Maulesel sind eine Kreuzung zwischen einer Pferdestute und einem Eselshengst und gelten als besonders ausdauernd, trittsicher, klug und geduldig. Maultiere können sich übrigens nicht fortpflanzen - wie bei Nachwuchs von Elterntieren verschiedener Arten üblich.

Nach dem Ersten Weltkrieg, in den Jahren der Depression, zogen viele arme Buren auf der Suche nach einem besseren Leben und einem Stück Land über die Grenze nach Südwestafrika. Sie transportierten ihr Hab und Gut auf zwei- oder vierrädrigen hölzernen Eselskarren, die damals den Ochsenwagen als Transportmittel abgelöst hatten. Von 1920 bis etwa 1940 waren Eselskarren die Haupttransportmittel auf Farmen. Als in den 1940er Jahren der Karakulmarkt boomte, konnten sich viele Farmer ihre ersten Autos leisten. Die Eselskarren wurden an die Farmarbeiter weitergegeben und erfreuen sich noch heute in kommerziellen und kommunalen Farmgebieten großer Beliebtheit. 

Im zentralen Norden Namibias werden Esel auch zum Pflügen der Felder und zum Transport schwerer Wasserbehälter eingesetzt. Die Himbas verwenden Esel als Packtiere, während die Nama und Damara im Süden und Westen des Landes mit Hingabe ihre Donkeykarren-Kultur pflegen. Sie hat vor allem für Touristen und Städter einen ganz besonderen Reiz. 

Wenn auf einer der langen, staubigen Schotterstraßen Namibias eine einsame Donkeykarre am Horizont auftaucht, dann ist es nämlich an der Zeit, einen Gang zurückzuschalten und ein gemächlicheres Tempo anzuschlagen. Wer will schon die fröhlich winkenden Donkeykarren-Insassen in eine dicke Staubwolke hüllen? Spätestens jetzt ist man im afrikanischen Alltag angekommen, winkt zurück und nimmt sich vielleicht sogar die Zeit für ein nettes Gespräch.

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