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Goldschatz dient als Sitzgelegenheit

Avatar of inke inke - 01. April 2016 - Entdecken Sie Namibia

August Deckert an der Bandsäge, 1975 (Foto: Die Suidwester, 30.4.1975)

Noch heute ist allen älteren Grootfonteinern die Wagenbauerei von ‚Papa Deckert‘ – wie er liebevoll genannt wurde – im Herzen von Grootfontein bekannt. Wie oft kehrte man dort ein, um den Schaden an einem wichtigen Ersatzteil für den Farmbetrieb reparieren zu lassen oder ein Wagenrad neu aufziehen zu lassen. Man schaute auch gern einfach ’mal im Vorbeigehen herein, denn die Wagenbauerei war ein beliebter Treffpunkt, wo man gemütlich auf Kisten sitzen und Neuigkeiten austauschen konnte.

Die Geschichte der Deckerts und ihrer Wagenbauerei geht weit zurück. Der junge 1879 geborene Hermann Deckert landete im Juni 1907 an Bord des Ostafrika-Dampfers ‚Admiral‘ in Swakopmund. Er war seinen beiden Brüdern August und Heinrich gefolgt, die bereits während der 1890er Jahre mit der Schutztruppe ins Land gekommen waren und sich in der Grootfonteiner Gegend die Farmen Lähn und Rothof gekauft hatten.

Das Jahr 1908 sollte für die Grootfonteiner Geschichte von besonderer Bedeutung werden. Nicht nur war zu Kaiser’s Geburtstag am 27. Januar der erweiterte Bau des Hotels Rothe und Hagen großartig eingeweiht worden und die Schmalspur-Eisenbahn hatte im März den Ort unter großem Jubel erreicht. Als gelernter Schmied und Wagenbauer gründete Hermann Deckert auch bald darauf seine Schmiedewerkstatt im Ort. Er erwarb das Grundstück, das dem Hotel Rothe und Hagen gegenüber lag, und errichtete dort die Wagenbauerei und dicht daneben ein Wohnhaus. Für die Werkstatt baute Hermann Deckert sich eigenhändig eine Bandsäge, die mit der Hand betrieben wurde. Draußen legte er einen Brunnen an, aus dem eine Pumpe das nötige Wasser verschaffte. Die für das Haus erforderlichen Möbel stellte er selbst her.

Nachdem er im Jahre 1912 Martha Hannebohn geheiratet hatte, kam im Februar 1914 Tochter Charlotte zur Welt, die aber bereits ein halbes Jahr später starb. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Hermann Deckert als Reiter bei der Schutztruppe eingezogen. Er durfte jedoch bald nach dem Waffenstillstand im Juli 1915 nach Hause zurückkehren. Dort erwarteten ihn Frau Martha und Sohn Hermann, der im Mai 1915 geboren worden war. Weitere Kinder waren Rudolf, Cäcilie, August, Ingeborg und Helga. Ein schwerer Schicksalsschlag traf die Eltern, als Hermann aus dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr heimkehrte.

Im Jahre 1927 hatte der Betrieb so viel eingebracht, dass ein Chevrolet-Lastwagen mit Holzaufbau gekauft werden konnte. Er leistete der Familie Deckert viele Jahre lang treue Dienste und befand sich 1975 noch in gutem fahrtauglichen Zustand. 

1939 begann auch Sohn August bei seinem Vater in der Werkstatt zu arbeiten. Gemeinsam bauten und reparierten sie alle Ochsenwagen und Karren, die im Norden des Landes gebraucht wurden. Auch waren sie äußerst geschickt, wenn es um die Nachbildung mancher eiserner Ersatzteile für Pflüge, Eggen, Autos oder Windmotoren ging.

Eng verknüpft mit den Deckerts war auch die sonderbare Geschichte der Goldmarkstücke, die im Volksmund unterschiedliche Wiedergaben fand. Kurz nach der Kapitulation im Juli 1915 kreuzten mehrere Herren im Auftrage der deutschen Regierung bei Hermann Deckert auf und baten ihn, zwei Kisten bei ihm abzustellen. Sie durften aber den Engländern unter keinen Umständen in die Hände fallen. Er willigte ein, und man stellte die Kisten in der Werkstatt ab. Oft saßen die Farmer, die ihre Ochsenwagenräder neu aufziehen ließen, auf den Kisten und schauten dem Meisterschmied bei der Arbeit zu. Sie alle wussten, dass die Kisten deutsches Regierungseigentum waren, aber keiner rührte sie an. Man schwieg, damit kein Aufsehen erregt und die Engländer nicht hellhörig wurden. Es vergingen Jahre. 

Eines Tages, im Herbst 1937, landete eine dreimotorige Junker-Maschine mit deutscher Registration auf dem Grootfonteiner Flugplatz. Mehrere Herren entstiegen dem Flugzeug, begaben sich zu Hermann Deckert und erbaten die Kisten, die er ihnen übergab. Die Herren nahmen im gegenüber liegenden Hotel Quartier. Abends beim Schein der Lampe zählten sie die Goldmarkstücke. Es fehlte kein Stück. Eine neugierige Köchin beobachtete sie dabei und war fassungslos, dass so viel Geld bei Hermann Deckert gelagert worden war. Tags darauf bedankte man sich bei Hermann Deckert und versprach ihm eine Belohnung. Die Goldmarkstücke wurden in ihren Kisten auf dem Fargo-Laster von Hermann Tietz zum Flugplatz transportiert, und die Junker brauste mit ihrer wertvollen Ladung ab. Manch einer hat noch später vergeblich im Bezirk nach den Goldmarkstücken gesucht und Überlegungen darüber angestellt. Ob die deutsche Regierung die Goldmarkstücke je wieder bekam, weiß niemand, Hermann Deckert aber erhielt seine Belohnung nie.

Abgesehen von den vielen Wagen und Karren, die Hermann Deckert baute, war er auch ein Meister in der Herstellung dekorativer schmiedeeiserner Arbeiten. So z.B. fertigte er Anfang der Dreißigerjahre das Eingangstor zum Grootfonteiner Friedhof an.

Später, als das Auto den Ochsenwagen ersetzte, lag das Hauptgeschäft der Deckerts im Ovamboland, wohin sie viele hunderte Karren lieferten und wo Hermann Deckert eine sehr geschätzte Persönlichkeit war. Seine Karren waren besonders beliebt, weil sie Eisenräder und Holzspeichen hatten. 

Nach dem Tod von Hermann und August Deckert schenkte die Familie Deckert Mitte der 1980er Jahre dem Grootfonteiner Museum die gesamte Ausrüstung der Schmiedewerkstatt. In mühevoller Arbeit und mit viel Geschick gelang es den derzeitigen Kuratoren, Hans Ernst und Wolfgang Bauer, sie wieder aufzubauen. 

Dem Wagenbauer-Pionier Hermann Deckert, der im Alter von 92 Jahren noch Karrenräder anfertigte und 1971 starb, und seinem Sohn August gebührt ein ehrendes Gedenken.

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