Mildtätigkeit in der Omaheke - Neuigkeiten - Gondwana Collection

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Mildtätigkeit in der Omaheke

Avatar of inke inke - 18. November 2016 - Entdecken Sie Namibia

Familie Lemcke vor ihrem Haus. (Foto: Privatsammlung Fr. Erika Köhler)

Kriege bringen den Alltag zum Stillstand, verpflanzen Menschen auf neue Kontinente und verändern Schicksale. Das erlebte Albert Lemcke aus Mecklenburg in Norddeutschland am eigenen Leib. Seine erste Erfahrung mit dem Krieg hatte er selbst gewählt,denn er meldete sich als Freiwilliger für den Zweiten Burenkrieg (1899–1902) im heutigen Südafrika. Im Ersten Weltkrieg wurde er viele Jahre später ein Opfer des Krieges und verlor alles, was er sich durch harte Arbeit erworben hatte. Doch die herzzerreißende Geschichte seiner Familie verkehrte sich unversehens zum Guten.  

Die Geschichte beginnt 1899, als Albert Lemcke vom Ausbruch des Burenkriegs an der Südspitze Afrikas erfuhr. Er war einer der rund 3000 europäischen Freiwilligen – aus Deutschland, den Niederlanden, Irland, Russland und Skandinavien –, die nach Süden aufbrachen, um die Afrikaans sprechenden Siedler niederländischer Abstammung im Kampf gegen den britischen Machtanspruch auf die Burenrepubliken und ihre Bodenschätze zu unterstüzen. Albert reiste über Südamerika nach Lourenço Marques (Maputo, Mosambik) und schloss sich anderen Freiwilligen an, die auf dem Weg in die Burenrepubliken waren. Dabei lernte er seine künftige Frau kennen: Carolina, die Nichte des berühmten Paul Kruger, Burenführer und Präsident der Republik Transvaal. Die Krugers waren selbst deutscher Herkunft und nahmen den jungen Mann aus Mecklenburg gerne in die Familie auf. 

Alberts Einsatz war nur von kurzer Dauer. Er geriet in Gefangenschaft und wurde mit anderen Kriegsgefangenen auf der Insel Ceylon interniert, bis der Krieg 1902 endete. Bei seiner Freilassung beschloss Albert, im südlichen Afrika zu bleiben. Dort hatten viele Menschen durch den Krieg alles verloren, da die Farmen von Buren im Zuge der von Lord Kitchener angeordneten Politik der verbrannten Erde verwüstet worden waren. Albert hingegen konnte auf eine Erbschaft zurückgreifen, um einen Ochsenwagen zu kaufen. Damit brach er nach Nordwesten auf. Sein Ziel war Deutsch-Südwestafrika, wo er sich bessere Lebensbedingungen erhoffte. Er zog durch Betschuanaland (jetzt Botswana) und ließ sich auf der westlichen Seite der Grenze in Deutsch-Südwestafrika nieder, wo heute der Ort Buitepos liegt. Der Umgang mit den Jägern, Händlern und Farmern auf der östlichen Seite der Grenze fiel ihm leicht. Dank seiner Sprachkenntnisse konnte er eine kleine Handelsniederlassung einrichten. Er bot Waren aus der deutschen Kolonie an und kaufte Rinder von den Farmern in Betschuanaland.  

Nach einigen Jahren beschloss er, selbst Farmer zu werden und beantragte bei der deutschen Kolonialverwaltung ein Stück Land. Zu Ehren seiner geliebten Frau nannte er die Farm Carolinenhof. Das Ehepaar baute sich ein Haus, hob einen 15 Meter tiefen Brunnen aus und erfreute sich eines friedlichen Daseins. 1911 gewährte die Kolonialverwaltung ein Darlehen in Höhe von 6000 Mark, mit dem Albert die Farm kaufen konnte. Er bezahlte umgehend ein Zehntel der Summe als Tilgung, die Differenz sollte innerhalb von fünf Jahren beglichen werden. Doch er schaffte es nicht, alle Raten zu zahlen, denn durch unvorhergesehene Umstände veränderte sich das Leben der Lemckes schon bald in einschneidender Weise. 

Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde Albert zum Dienst in der Schutztruppe eingezogen. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Ehepaar Lemcke acht Kinder, vier Mädchen und vier Jungen, und Carolina erwartete das neunte Kind. Albert gab dem ältesten Sohn die Zügel auf der Farm in die Hand und zog gegen die südafrikanische Übermacht zu Felde, die in die deutsche Kolonie einmarschiert war. Die Kampfhandlungen endeten Mitte 1915, als die Schutztruppe bei Khorab kapitulierte und ein Friedensabkommen unterzeichnet wurde. Die Farmer, die als Reservisten eingezogen worden waren, durften auf ihre Farmen zurückkehren, so auch Albert. 

Es war eine andere, schockierende Welt, die ihn bei seiner Heimkehr erwartete. Viehdiebe waren über seine Farm hergefallen und hatten seine Tiere weggetrieben oder geschlachtet. Der Brunnen und der Obstgarten waren zerstört. Er fand eine Stelle, die als das Grab seiner Frau gekennzeichnet war. Von seinen Kindern fehlte jede Spur. 

Mit der Zeit reimte er sich zusammen, was nach seinem Aufbruch zur Schutztruppe geschehen sein musste. Seine Familie war auf der Farm geblieben, obgleich die Unruhen in der Umgebung eskalierten und Farmen systematisch überfallen wurden. Carolina starb bei der Geburt des neunten Kindes. Der älteste Sohn kehrte von einem Besuch in Gobabis nicht zurück – vermutlich wurde er dort von den deutschen Behörden festgehalten –. Die Lage der übrigen Kinder war so desolat, dass die San (Buschleute), die auf der Farm gearbeitet hatten, sie aufnahmen. Aus Sicherheitsgründen teilten sie die Kinder in zwei Gruppen und brachten sie bei ihren Familienverbänden unter, die in der Umgebung in der Omaheke (Sandveld) lebten. Eine junge San-Mutter nahm das Neugeborene in Pflege. 

Es war eine lange Suche, bevor Albert nach fast zwei Jahren wieder mit seinen Kindern vereint war. Seine Farm musste er allerdings aufgeben, denn er hatte all sein Vieh und seinen gesamten Besitz verloren, und die Depressionsjahre nach dem Krieg erschwerten seine Lage. 1920 reichte er einen Antrag auf Kriegsentschädigung ein, der jedoch erfolglos blieb. So zog er nach Gobabis und bestritt mit Gemüseanbau den Lebensunterhalt seiner Familie. Albert Lemcke lebte bis zu seinem Tod 1949 in Gobabis.

Seine Kinder gingen nach und nach eigene Wege. Mit Ausnahme der jüngsten Tochter, die nach Südafrika zog, verheirateten sich die Mädchen mit Namibiern deutscher Abstammung. Die Söhne wurden wohlhabende Farmer in Botswana, wo sie große Ländereien erworben hatten. Die Tradition der Farmerei wird mittlerweile in dritter Generation fortgesetzt.

Wenn Alberts Enkel die faszinierende Geschichte ihrer Eltern und Großeltern erzählen, berichten sie auch, dass ihre Mütter kein Englisch konnten, sondern Deutsch und Afrikaans sprachen und ebenso fließend den Dialekt der San-Gemeinschaften bei Gobabis. Eine der Schwestern ging so begabt mit der Sprache um, dass sie Gerichtsdolmetscherin wurde. Auch das ihnen vermittelte Wissen über das Leben der San in der Natur wurde von Alberts Kindern lebendig gehalten, und sie benutzten weiterhin pflanzliche Heilmittel für bestimmte Beschwerden. Sie bewahrten das Erbe einer Zeit, als sie verlassen und hilflos waren, und von den Menschen der Omaheke aufgenommen und umsorgt wurden.

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