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Die vergessenen Weingärten von Klein Windhoek

Avatar of inke inke - 10. März 2017 - Entdecken Sie Namibia

Pater Anton Morgenschweis nahm 1927 die Arbeit im Weinberg und der Kellerei auf und leitete den Betrieb von 1933 bis 1977, als er mit 82 Jahren in den Ruhestand trat. (Quelle: Namibisches Nationalarchiv)

Wer von der neuen Wohnsiedlung ‚Am Weinberg‘ über das Klein Windhoek Tal sieht, kann nach einem ganz normalen Schultag die Schüler des St. Paul’s College die Straße entlang gehen sehen. Umgeben ist die Schule von Sportfeldern und vornehmen Wohnhäusern. Doch das war nicht immer so: Früher lagen im Klein Windhoek Tal die Weinfelder der Römisch-Katholischen Mission.

Als der Kommandeur der deutschen Schutztruppe, Curt von François, am 18. Oktober 1890 Windhoek gründete, waren im quellenreichen Klein Windhoek Tal bereits Wein-, Obst- und Gemüsegärten vorhanden, die jedoch seit Jahren brachlagen. Von François wies seine Soldaten an, die Gartenanlagen instand zu setzen, um die Obst- und Gemüseversorgung für die Schutztruppe zu gewährleisten.  

Die Gärten im Klein Windhoek Tal waren bereits in den 1840er Jahren von Oorlam-Kaptein Jonker Afrikaner angelegt worden, der sich mit seinem Clan dort niedergelassen hatte. Mit ihm kamen Missionare der Rheinischen Mission, die sich am Nordhang des sogenannten Wasserbergs im Klein Windhoek Tal ansiedelten. Wegen der ständigen Auseinandersetzungen zwischen Oorlam und Hereros blieben sie nur zwei Jahre. Wesleyanische Missionare traten ihre Nachfolge an. Jonker verließ das Klein Windhoek Tal 1854 und mit ihm die Missionare. Das Tal verwilderte. 

Ab 1871 baute die Rheinische Missionsgesellschaft die verwaiste Station wieder auf. Sie kultivierte die Gärten und pflanzte 2000 Weinstöcke und 100 Zitrusbäume. Als sich die Auseinandersetzungen zwischen Oorlam und Herero 1880 wieder zuspitzten, mussten die Rheinischen Missionare aus dem Klein Windhoek Tal fliehen.

Zehn Jahre lang kümmerte sich niemand um die Gärten der Missionsstation, bis 1890 Curt von François mit seiner Schutztruppe eintraf. Er bezog zunächst im ehemaligen Missionshaus Quartier. Die Gärten wurden wieder hergerichtet. Mit dem Eintreffen der ersten Siedler wurde das Land im Klein Windhoek Tal der Siedlungsgesellschaft übertragen. Sie übernahmen auch die Bewirtschaftung der Felder und Gartenanlagen. 

1899 erwarb die Römisch-Katholische Mission das ehemalige Missionshaus und das umliegende gut drei Hektar große Grundstück mit seinen Weingärten und Zitrusbäumen am Wasserberg und baute dort eine Kirche. 

Zur Jahrhundertwende lebten im Klein Windhoek/Avis Gebiet 43 Siedler und 200 Einheimische. Etwa 19 bis 20 ha Land wurden kultiviert. Die Quellen und Brunnen lieferten täglich 670 Kubikmeter Wasser. Die Quelle am Nordhang des Wasserbergs, an dem die Römisch-Katholische Mission lag, war jedoch besonders ergiebig; aus ihr sprudelten stündlich 60 Kubikmeter Wasser. Schon im Jahr 1901/1902 gab es auf dem Missionsgelände etwa 2000 Weinreben, die zur Weinprodukion genutzt wurden. Im Laufe der Jahre kaufte die Mission weitere umliegende Grundstücke auf und konnte ihren Grund und Boden auf etwa sieben Hektar erweitern. In der Umgebung gab es außerdem private Weingärten und -kellereien. 

Die Weinproduktion der Römisch-Katholischen Mission im damaligen Deutsch-Südwestafrika wurde aus der Not geboren, denn es war sehr teuer, Messwein mit dem Ochsenwagen aus der Kapkolonie oder mit dem Schiff aus Europa einzuführen. Schon bald wurden ein trockener und ein halbtrockener Weißwein sowie Weinbrand hergestellt. Am Anfang hatte die Mission keine hochwertigen Weintrauben. Doch im Laufe der Jahre verbesserte sich die Qualität derartig, dass die Römisch-Katholische Mission mit ihren Trauben bereits bei der ersten Windhoeker Landwirtschaftsausstellung im Jahr 1914 eine Auszeichnung gewann, denen viele weitere folgten. Die großen Eichenfässer in der Weinkellerei wurden größtenteils aus Deutschland und der Tschechoslowakei importiert. 

Zu Beginn der 60er Jahre baute die Römisch-Katholische Mission verschiedene Rebsorten an, darunter Riesling, Barbarossa, Burgunder, Muscadet und Hanepoot. Einige davon – wie zum Beispiel Kristalltrauben - wurden als Tafeltrauben verwendet. Mit dem Messwein aus Klein Windhoek wurden 28 Missionsstationen im Norden beliefert, der Überschuss ging an Hotels und Spirituosenläden im ganzen Land. Die jährliche Weinbrandproduktion lag 1960 zwischen 800 und 1000 Flaschen. Die Gesamtproduktion von Weinbrand und Wein belief sich auf 2.000 Gallonen pro Jahr (ca. 9.000 Liter). Wegen der hohen Produktionskosten erwirtschaftete die Römisch-Katholische Mission jedoch nie ein bemerkenswertes Einkommen.

Viele prominente Persönlichkeiten – Politiker, Konsule, Künstler, Administratoren und Parlamantarier – statteten den Weingärten und dem kühlen Weinkeller der Römisch-Katholischen Mission einen Besuch ab und kosteten die edlen Tropfen. 1960 schaute der Südwestafrika-Kenner und Autor Dr. N. Mossolow dort vorbei und wurde vom langbärtigen ‚Bruder Kellermeister‘ empfangen. Dieser bestand auf einer Weinprobe, bevor Mossolow seine zwölf Flaschen ‚Riesling Auslese‘ ausgehändigt bekam. Dabei erzählte ihm der Bruder Kellermeister die Geschichte der Weinherstellung in Klein Windhoek. 

1945 gründete die Römisch-Katholische Mission am Wasserberg ein Schülerheim für Jungen, 1962 wurde dort mit dem St. Paul’s College eine katholische Jungenschule eröffnet. Ein Teil der Weingärten musste dem Fussballplatz weichen, weitere Weinfelder fielen dem Ausbau der Schule und der Erweiterung der Wohngebiete zum Opfer. Die Weinproduktion wurde in den 80er Jahren eingestellt, weil das verbesserte Transportsystem den Import von Wein zu angemessenen Preisen erlaubte, das Grundwasser zurückging und die ergiebige Quelle am Nordhang des Wasserbergs versiegte, Dürre herrschte und der Wein schließlich besteuert wurde. 

Im Zuge des 50-jährigen Bestehens des St. Paul’s College im Jahr 2012 wurde auch des inzwischen fast vergessenen Weinkellers von Klein Windhoek gedacht sowie seinen Kellermeistern, unter ihnen die beiden letzten ihrer Zunft, Pater Ziegenfuss (der ‚Bokkiebein‘ genannt wurde) und Pater Morgenschweis. Beim Blick auf das Klein Windhoek Tal kann man sich auch heute noch - vor allem in der Regenzeit - ohne Weiteres vorstellen, dass hier einmal vor gar nicht langer Zeit liebevoll gepflegte Weinfelder gelegen haben. 

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