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Manch Feenkreis zu Zeiten Goethes geboren

Avatar of inke inke - 10. Juli 2017 - Umwelt

Feenkreis im Gebiet der Namib Desert Lodge. (Sven-Eric Stender)

Die kahlen Kreise in den Grasflächen am Rande der Namib sorgen auch Jahre nach Lüftung ihres Geheimnisses für Begeisterung unter Biologen. Nicht nur, dass sie uralt werden können. Sondern auch, dass ihre Erschaffer nun den Weltrekord im "ecosystem engineering" halten. Sehr zum Leidwesen des Bibers... 

Die Feenkreise, kahle Stellen in den Grasflächen am Ostrand der Namibwüste, können 200 Jahre alt werden, vielleicht sogar bis zu 1.000 Jahre. Das hat der Biologe Professor Norbert Jürgens ermittelt – anhand von Hochrechnungen und Luftaufnahmen einer Fläche mit Kahlstellen im Marienflusstal im Nordwesten Namibias aus den Jahren 1956 und 2006. So mancher heute bestehender Feenkreis wurde demnach noch zu Lebzeiten des großen Dichters und Denkers Johann Wolfgang von Goethe geboren.

Die "maximale Lebenserwartung" der Kreise darf man jedoch nicht mit dem Durchschnittsalter verwechseln, das deutlich niedriger liegen dürfte: In guten Regenjahren entstehen oft neue Kreise, die rasch wieder "sterben", wenn einige Trockenjahre folgen. Außerdem sagt sie nichts aus über das Alter ihrer Erschaffer, einer Sand-Termite. Ein Feenkreis, so sagt Jürgens, kann durchaus von mehreren Termiten-Kolonien nacheinander bewohnt und damit am Leben gehalten werden.

Übrigens wären selbst 1.000 Jahre kein Rekord für Termitenbauten. In Termitenhügeln im Kongo fand man organisches Material, das über 2.200 Jahre alt ist. Und in den so genannten Heuweltjies ("Hügelchen") im Nordwesten Südafrikas hat sich Kalk gebildet, bei dem ein Alter von 4.000 Jahren ermittelt wurde. Allerdings ist man sich in der Wissenschaft noch nicht ganz einig, dass die Heuweltjies das Werk von Termiten sind. Auch bei den Feenkreisen Namibias gibt es noch Zweifler.

Wasserreservoir für Durststrecken

Dabei gilt die Anfang 2013 veröffentlichte Termiten-Theorie von Professor Jürgens mittlerweile als "allgemein akzeptierte Meinung". Sie stützt sich auf Daten, die im Laufe von fünf (inzwischen sogar zehn) Jahren auf der Namib Desert Lodge der Gondwana Collection 60 km nördlich von Sesriem/Sossusvlei gesammelt wurden: Die stündlich gemessene Feuchtigkeit des Bodens, in einer Tiefe von 10 bis 90 cm, innerhalb und außerhalb eines Feenkreises, Werte der dort installierten Wetterstation und tägliche Aufnahmen einer automatischen Kamera vom Grasbestand.

Kernaussage der Theorie: Die Kahlstellen werden von Termiten, genauer: von der 'Sand-Termite' Psammotermes allocerus, geschaffen und instand gehalten, damit das Regenwasser versickern und im Sandboden gespeichert werden kann, ohne von Gräsern aufgesogen und damit verbraucht zu werden. Dieser tiefer als 50 cm liegende Speicher sorgt auch während langer Trockenphasen für eine Luftfeuchtigkeit im Gängesystem, die die Termiten zum Leben benötigen, und meist für einen Ring üppig wachsender, mehrjähriger Gräser um den Kreis herum, auch "Luxusgürtel" genannt. Das Gras außerhalb des Kreises dient als tägliche Nahrung, der Luxusgürtel als Notreserve für außergewöhnlich lange Dürreperioden. Jeder Feenkreis ist damit laut Jürgens ein Musterbeispiel für nachhaltige Farmwirtschaft in Trockengebieten. 

Dürre als Todfeind Nummer 1

Mittlerweile weiß man etwas mehr über Leben und Sterben eines Kreises. Geboren wird er, wenn beim ersten starken Niederschlag einer Regenzeit mit Flügeln versehene Königinnen und Könige aus einem Feenkreis ausschwärmen und sich an neuer Stelle paaren und niederlassen. Ist eine Königin an einem geeigneten Platz gelandet, ernähren sich die ersten Mitglieder ihrer neuen Kolonie von den Wurzeln der dort stehenden Gräser. In fünf bis sechs Monaten entsteht eine kahle Stelle, rechtzeitig vor Beginn der nächsten Regenzeit. Ab und zu kommt es auch vor, dass ein "toter" Feenkreis von einer neuen Königin übernommen wird.

Ein Kreis wächst mit der Kolonie, wenn gute Regenjahre genügend Wasser und Nahrung liefern. Kommen sich zwei Kolonien zu nah, droht der Schwächeren der Tod; ihr Kreis geht dann in dem der Sieger auf oder verschwindet unter vorrückenden Gräsern. Eine weitere tödliche Gefahr bilden feindliche Ameisen. Die meisten Todesopfer jedoch fordert die Dürre: Wenn nach drei bis vier Jahren Trockenheit das Gras außerhalb des Kreises und im Luxusgürtel aufgezehrt oder der Wasserspeicher leer ist, stirbt die Kolonie. Das droht vor allem im zarten Kindesalter, weil es noch keine Vorräte gibt.

Zweifel in der Modelltheorie

Obwohl sich die Termiten-Theorie auf eine wachsende Zahl von Fakten stützt und auch Teilphänomene der Kreise plausibel erklärt, gibt es noch Zweifler in der Wissenschaft. Das größte Fragezeichen setzten bislang Modelltheoretiker, denen zufolge sich die Muster der Kahlstellen in Grasflächen durch Konkurrenz unter Graspflanzen bilden, die runde Flächen ohne Wasser und Nährstoffe hervorbringt. Termiten wurden hierbei als Urheber ausgeschlossen.

Doch das rein abstrakte Fragezeichen ignoriert die Tatsache, dass im Boden innerhalb des Feenkreises immer und überall mehr Wasser vorkommt, als im Boden außerhalb der Kreise. Zudem erhielten die modellierenden Zweifler Anfang 2017 Gegenwind aus dem eigenen Lager, denn ein neues Modell ergab, dass die Konkurrenz unter Termiten-Kolonien durchaus die bekannten Muster der Feenkreise hervorbringen kann.

Festkrallen am Märchen

Auch vor Ort in Namibia gibt es einige, die sich hartnäckig gegen die Termiten-Theorie sträuben, wenn auch weniger wissenschaftlich fundiert und motiviert. So hat ein privates Naturschutzgebiet im Süden der Namib 2015 einen Feenkreis-Workshop veranstaltet, bei dem möglichst viele Erklärungen (Termiten, Selbstorganisation, giftige Gase, Euphorbien) möglichst gleichwertig nebeneinander gestellt wurden, offenbar mit dem erklärten Ziel, die kahlen Kreise vor der Entzauberung zu bewahren.

Dasselbe Naturschutzgebiet bietet Patenschaften für "seine" Feenkreise an, mit GPS-Koordinate und Eintrag in ein Register. Vielleicht sorgt man sich um die Reaktion potentieller Spender, wenn sie erfahren, dass es sich bei dem Patenkind nicht um einen geheimnisvollen Kreis aus der Märchenwelt handelt, sondern um einen profanen Termitenbau im Namibsand.

Dabei entpuppen sich die Kreise nach ihrer Entzauberung in der Welt der Wissenschaft als ein weiteres Wunder der Evolution, als eine einzigartige Anpassung an extreme Trockenheit wie die Lebenden Steine, die Welwitschia mirabilis oder die sandtragenden Pflanzen. Professor Jürgens geht sogar noch weiter und erkennt den Termiten den Weltrekord im "ecosystem engineering" zu, der Fähigkeit von Organismen, Ökosysteme zu ihrem Vorteil neu zu gestalten. Den hielt zuvor der Biber.

Sven-Eric Stender

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