Unverwüstliche Felsenkirche zwischen Wüste und Meer - Neuigkeiten - Gondwana Collection

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Unverwüstliche Felsenkirche zwischen Wüste und Meer

Avatar of inke inke - 11. August 2017 - Entdecken Sie Namibia

Felsenkirche in Lüderitz. (Foto: Patrick Giraud, Wikimedia)

Seit 100 Jahren (2012) überblickt die Felsenkirche die kleine Hafenstadt Lüderitz und trotzt Wind und Wetter. Sie ist ein Juwel der Architektur, erbaut auf dem Granitfelsen des Diamantbergs. Ob die Erbauer damit zum Ausdruck bringen wollten, dass die christliche Kirche auf dem felsenfesten Glauben an Jesus Christus begründet ist, kann nur vermutet werden. Wahrscheinlich hat auch der Apostel Petrus bei der Namensgebung der Felsenkirche Pate gestanden,denn sein Name rührt vom griechischen Wort ‚petros‘ her, was soviel bedeutet wie Fels oder Stein.  

Als die Felsenkirche am 4. August 1912 geweiht wurde, war Lüderitz eine aufstrebende Stadt mit gut 1.100 weißen – meist deutschen - Einwohnern. Vier Jahre zuvor waren beim Bau der Eisenbahn von Lüderitz nach Keetmanshoop Diamanten entdeckt worden. Seitdem hatte Lüderitz einen steilen Aufstieg von einem bescheidenen Ort und zu einer recht wohlhabenden Stadt mit einem florierenden Handelshafen erlebt. Der Diamantenabbau wurde zunehmend industriell betrieben, immer mehr Glücksjäger strömten ins Land, und die Diamantensiedlung Kolmanskuppe wurde gebaut.

Bei der Gründungsversammlung der evangelisch-lutherischen Gemeinde am 10. Mai 1909 erklärten 42 Mitglieder schriftlich ihren Beitritt. Der kostspielige Bau einer eigenen Kirche wurde in den darauffolgenden Monaten heiß diskutiert, bis sich schließlich die Befürworter des Bauvorhabens durchsetzten. Die Lüderitzer Gemeinde der deutschen Kolonialzeit wollte sich mit der Kirche eine Zuflucht schaffen. Die Grundsteinlegung fand am 19. November 1911 mit einer Festpredigt statt: „(...) Wir wollen mit dieses Bau dieses Hauses bezeugen, daß wir nicht vergessen haben, worauf unsere Wohlfahrt und unser Glück beruht, daß wir uns der Pflicht bewußt sind, den Söhnen und Töchtern der deutschen Heimat hier eine Stätte zu bieten, wo Herz und Seele Ruhe suchen und Frieden finden kann in Gott (...).“ 

Die Felsenkirche wurde vom Deutschen Albert Bause entworfen und erbaut. Noch kurz vor der Grundsteinlegung erhielt er den Auftrag, die Kirche nicht ganz so hoch zu bauen und das Kircheninnere etwas kleiner zu gestalten, um Kosten zu sparen. Trotz dieser Sparmaßnahmen entstand ein ansehnliches Gotteshaus mit 140 Sitzplätzen, dem man sich – egal von welcher Seite – immer von unten nähert und das dadurch erhaben wirkt. 

Die Felsenkirche wird dem neo-gotischen Stil zugeordnet, lässt jedoch Einflüsse des englisch-viktorianischen Baustils erkennen, den Albert Bause vermutlich in Kapstadt kennengelernt hatte. Dort hatte er gelebt, bevor er nach Deutsch-Südwestafrika ausgewandert war. Der Bau kostete 46.000 Goldmark. 

Ein Großteil konnte durch Spenden vor allem aus Deutschland finanziert werden, was Pastor Alexander Metzner in seiner Einweihungspredigt vor 100 Jahren dankbar würdigte. Die Zahl seiner Gemeindemitglieder war inzwischen innerhalb von zwei Jahren auf 800 gestiegen: „Reiche Mittel sind uns von Gesellschaften und Privatpersonen dargereicht worden. [...] Wie reich ist unser Gotteshaus in seinem Inneren ausgestattet; [...] jedes einzelne Stück der Kirchenausstattung ist ein Zeichen erfahrener Bruder- und Schwesternliebe, von den kostbaren Stiftungen deutscher Fürsten und mildtätiger begüterter Freunde und Freundinnen bis zu den Gaben, die in kleinen Beträgen zusammengeflossen sind.“ 

Einige dieser Geschenke sind heute noch in der windumwehten Felsenkirche zu bewundern: Das große Altarfenster mit dem Bildnis ‚Jesus stillt den Sturm‘ wurde von Kaiser Wilhelm II. gestiftet. Seine Gattin Kaiserin Auguste Victoria, die wegen ihres kirchlichen Engagements im deutschen Volksmund auch ‚Kirchenguste‘ genannt wurde, versah eine wertvolle, reich verzierte Altarbibel mit ihrer persönlichen Widmung und sandte sie in die ferne Kolonie im südlichen Afrika.  Das dreiteilige Lutherfenster ist eine Schenkung des Herzogs Joachim Albrecht von Mecklenburg. Er war zu dieser Zeit Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft, die wiederum das Grundstück für den Kirchenbau kostenlos zur Verfügung gestellt hatte.

Alle großzügigen Geber leisteten den Kolonisten mit ihren Geschenken nicht nur materielle, sondern auch ideelle Unterstützung bei ihrer schwierigen Mission. Denn die Lebensbedingungen in der aufstrebenden Hafenstadt zwischen Ozean und Wüste waren hart. Mal brannte die Sonne, dann pfiff der Sturm, es gab Fliegenplagen und Sandflöhe, Wasser war knapp. 

Obwohl in der Gemeinde immer noch jeder Pfenning zweimal umgedreht werden musste, entwickelte sich ein reges Gemeindeleben, das jedoch 1914 mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dem Einmarsch der südafrikanischen Unionstruppen in Deutsch-Südwestafrika ein jähes Ende nahm. Die zahlenmäßig stark unterlegene deutsche Schutztruppe kapitulierte im Juli 1915 in Khorab, Südafrika übernahm die Verwaltung der ehemaligen deutschen Kolonie. 

Der Pfarrer und die Gemeinde wurden deportiert, die meisten verloren ihr gesamtes Hab und Gut. Die Felsenkirche wurde teilweise geplündert. Der Pastor erstattete bei seiner Rückkehr 1919 Anzeige wegen Kirchenraubs, die jedoch erfolglos blieb. Im selben Jahr zog der Gemeindekirchenrat die Bilanz, „daß die Gemeinde ganz bedeutende Verluste an Mitgliedern durch die Repatriierungen erlitten hat. Nicht nur viele kirchentreue Beamte, sondern auch viele Familien und Junggesellen haben gezwungen oder freiwillig das Land verlassen. Auch die stark auftretende Influenza [1918] hat der Gemeinde schwere Verluste zugefügt.“

Ab 1920 verlagerte sich der Diamantabbau weiter nach Süden und Lüderitz verlor als Handelsplatz immer mehr an Bedeutung. Es gab eine bescheidene Fischfangindustrie und einige Bootswerften sowie einige kleinere Teppichwebereien, da im Süden des heutigen Namibia erfolgreich Karakulschafe gezüchtet wurden. Trotz all dieser Veränderungen behauptete die Felsenkirche ihre erhabene Stellung als Wahrzeichen von Lüderitz. Sie erlebte mit, wie sich Pfarrer und Kirchenvorstand gegen die Vorschriften der Nationalsozialisten aus Deutschland wehrte, wie sie im Zweiten Weltkrieg die Internierten mit Hilfeleistungen unterstützte. Am 21. September 1978 wurde sie zum Nationalen Denkmal erklärt. 

Heute hat die Deutsche Evangelisch-Lutherische Gemeinde in Lüderitz gut 50 Mitglieder. Sie wird von der Gemeinde in Swakopmund betreut, einmal im Monat findet in der Felsenkirche ein Gottesdienst statt. 

Für Besucher öffnet die Felsenkirche täglich eine Stunde lang vor Sonnenuntergang ihre Tore (Winter 16-17 Uhr, Sommer 17-18 Uhr). Dann zeigt sie sich von ihrer besten Seite, denn am späten Nachmittag fällt die tiefstehende Sonne durch die wertvollen Buntglasfenster und taucht die Felsenkirche in herrliches Licht. 

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