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Vier Tage verschollen in der Namib

Avatar of inke inke - 15. Dezember 2017 - Entdecken Sie Namibia

Klaus von der Ropp (rechts) besuchte im südafrikanischen Ventersdorp 2008 seinen Retter, Peter Stark. (Privatsammlung Klaus von der Ropp)

Inke Stoldt

„Seit der Geschichte in der Wüste trinke ich alles – und gerne.“ Als ich mit den Getränken an den Tisch komme, springt er auf, wartet bis ich sitze und schenkt uns ein. Der studierte Jurist Dr. Klaus Baron von der Ropp ist ein Kavalier der alten Schule. Im Oktober 2012 besucht er Namibia, um noch einmal jene Menschen zu sehen, die ihn am 13. Dezember 1975 nach viertägiger Odyssee in der Wüste gerettet haben. „Ich bin auch heute noch, nach fast 40 Jahren, unendlich froh und dankbar, dass ich gefunden wurde.“


Es ist eine bunt gemischte fünfköpfige Gruppe, die sich am 9. Dezember 1975 um 9 Uhr in Swakopmund zu einer Tagestour durch die Wüste einfindet, darunter der 37-jährige Klaus von der Ropp. Der Geländewagen mit Reiseführer Kurt Kleyenstüber steht bereit - und los geht’s! Nachmittags stellt Kleyenstüber plötzlich fest, dass er sich verfahren hat. Dann bleibt das Auto stehen; der Reiseleiter vermutet einen Maschinenschaden. 

In diesem Moment weiß niemand, dass Kleyenstüber völlig die Orientierung verloren hat und sich die Reisegruppe mehr als 140 km südöstlich von Swakopmund befindet. Das war umso gefährlicher, als der Reiseleiter vergessen hatte, im Büro eine Nachricht zu hinterlassen, wohin er mit seinen fünf Touristen fahren würde.

Kleyenstüber beschließt, zu einem Berg in der Ferne zu laufen - den er fälschlicherweise für die Blutkoppe hält -, um dort Bergarbeiter oder Touristen um Hilfe zu bitten. Da er sehr unsicher wirkt, bietet ihm der kräftige Von der Ropp an, ihn an diesem warmen Sommerabend eine Stunde lang zu begleiten. Sein Hemd lässt er beim Auto zurück. Schließlich kehrt er um, um für die Reisegruppe Feuer zu machen - und verläuft sich.

Er wendet sich wie der Reiseleiter in Richtung des Berges. Dabei verletzt er sich am Fuß und fertigt sich aus seiner Unterhose einen Verband an, den er jedoch im Laufe der nächtlichen Wanderung verliert. Am nächsten Morgen ist seine Zunge hart, nach der kalten Nacht wird es unglaublich heiß. Er hat entsetzlichen Durst, als er an der vermeintlichen Blutkoppe eintrifft. Er findet weder den Reiseleiter, noch Bergleute – nur eine leere Fantadose... 

Als er im gleißenden Sonnenlicht weiterläuft, nur mit Hose und einem Schuh bekleidet, hört er immer wieder die Stimme seines Vaters: „Junge, geh grade.“ Von der Ropp, seinerzeit Berater der westdeutschen Regierung für das südliche Afrika, trifft plötzlich den damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizäcker und dessen Frau in der Wüste. Er begrüßt die First Lady mit einem Handkuss und der Bitte, es ihm nachzusehen, dass er ihr keinen Stuhl anbieten kann. Er hilft ihr, im Sand Platz zu nehmen. 

Seine Halluzinationen sind ihm klar im Gedächtnis geblieben, wie auch die Erinnerung, dass er in seinem Portemonnaie eine 10-er Karte zu einem Schwimmbad in Köln hatte. „Ich hätte das ganze Schwimmbad leertrinken können und verlor völlig das Zeitempfinden. Ich wurde immer schwächer, rief trotz des schrecklichen Durstes immer wieder um Hilfe.“ 

In seiner Verzweiflung versucht er nach 50 Stunden allein in der Wüste, eine Euphorbia auszudrücken, um etwas Flüssigkeit zu gewinnen. Er erwischt die giftige Wolfsmilch, die seinen Mundraum verätzt und verklebt. Er bekommt kaum noch Luft. In dieser verzweifelten Lage fliegt ein Hubschrauber über ihn, ohne ihn zu entdecken. Er verliert den Lebensmut und versucht, sich mit einem Stein die Pulsadern aufzuschneiden - erfolglos. 

„Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass halb Swakopmund in der Weihnachtssaison seine Geschäfte sich selbst überlassen hatte und mit Quadbikes und Geländewagen in der Wüste nach mir suchte; dass der Reiseleiter - nach 40 Stunden - auf allen Vieren durch die Wüste kriechend gefunden und gerettet wurde. Die anderen Touristen hatten irgendwann festgestellt, dass der Motor des Geländewagens nur überhitzt war und fuhren auf gut Glück los, bis das Benzin ausging. Sie wurden 6 Stunden nach dem Reiseleiter gefunden.“ 

Die Rettungsmannschaften bitten den bekannten Spurenleser Peter Stark, der sich zufällig aus privaten Gründen in Swakopmund aufhält, um Unterstützung. Der erfahrene Wildhüter aus dem Etosha Nationalpark macht sich umgehend mithilfe eines Hubschraubers, zweier Nama-Spurenleser und Hunden systematisch auf die Suche. 

Als er Von der Ropp schließlich am 13. Dezember um 12.45 Uhr findet, hat dieser vier Tage ohne Essen und Trinken in der Wüste überlebt. Er hat sich unter einem Busch ein Loch gegraben, seine Hose als Schattenspender darübergespannt und sich mit Sand eingerieben, um keinen Sonnenbrand zu bekommen. 

Als Stark auf ihn zukommt, will Von der Ropp ihn umarmen. Doch Stark stößt den Geretteten weg, weil er so unglaublich stinkt. „Wie eine Hyäne, du hattest den Geruch des Todes an dir,“ verrät ihm Peter Stark später. 

Klaus von der Ropp wird in das St. Antonius Hospital in Swakopmund gebracht. Diagnose: stärkste Dehydrierungserscheinungen, leichter Sonnenbrand und ein Gewichtsverlust von 22 kg. Durch die aufopfernde Pflege der Schwestern vom Orden der Benedektinerinnen kommt er schnell wieder auf die Beine. Und verleiht seiner grenzenlosen Dankbarkeit heute noch mit jährlichen Briefen an die Nonnen und Peter Stark Ausdruck. 

2008 besucht er seinen inzwischen schwerkranken Retter in dessen Alterswohnsitz im südafrikanischen Ventersdorp. Bei seinem diesjährigen Namibia-Aufenthalt trifft er einige der Schwestern, die ihn damals im St. Antonius Hospital gepflegt haben.

Zum Abschluss unseres Gesprächs sagt der 74-jährige, der inzwischen mehrere Krebsoperationen hinter sich hat: „Seitdem fühle ich keine Furcht und keine Schmerzen mehr. Möglicherweise hat mir diese Geschichte viel Kraft gegeben.“

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