Überfall auf Witbooi-Siedlung Hornkranz - Neuigkeiten - Gondwana Collection

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Überfall auf Witbooi-Siedlung Hornkranz

Avatar of inke inke - 12. April 2018 - Entdecken Sie Namibia


Brigitte Weidlich

Morgens früh kurz nach fünf Uhr in der Morgendämmerung im Khomas Hochland: die meisten der etwa 2.000 Dorfbewohner von Hornkranz auf der Ebene vor den Roten Bergen schlafen noch. Die Verteidigungsschanzen zum Norden und dem Gamsberg nach Westen hin sind unbesetzt. Unter lauten Hurrarufen stürmen etwa 200 Soldaten der kaiserlichen Schutztruppe unter dem Befehl von Hauptmann Curt von Francois gegen fünf Uhr 30 die 125 cm hohe, aus Natursteinen geschichtete, breite Umfriedungsmauer. Trompetensignale schmettern. Die Soldaten schießen auf alles, was sich bewegt: Männer, Frauen, Kinder und Rinder, Schafe, Ziegen. Die Soldaten überschütten mit ihrem Schnellfeuer „den Ort in dem Männer Weiber und Kinder wie von Sinnen“ herumlaufen. 

So beschrieb Unteroffizier Ernst Haufe den Überfall auf Hornkranz vom 12. April 1893 fünf Jahre später in der Zeitschrift „Soldatenhort“. Die Bilanz nach knapp dreißig Minuten Kampf: Fast neunzig Tote, die meisten Frauen und Kinder. Sie gehörten zu den Untertanen von Hendrik Witbooi, dem bekanntesten Nama-Stammesführer im ehemaligen Südwestafrika. 

Ein wüster Anblick

„Daß bei dem halbstündigen, aber sehr lebhaften Feuergefecht auch eine große Anzahl von Weibern (sic!) und Kindern getroffen wurden, haben wir gewiß von Herzen bedauert. Wer hätte aber in der Aufregung genau bei dem sowieso mangelhaften Bekleidungszustande der Bewohner die Geschlechter unterscheiden können…“, berichtete Haufe. „Der Platz bot nach der Erstürmung einen wüsten Anblick. Mehr als 80 Leichen bedeckten den Boden…außer den Menschen lagen aber noch viele tote und angeschossene Kühe, Schafe, Ziegen umher und diese letzteren erfüllten, dem Verenden nahe, die Luft mit Gebrüll“, schrieb Haufe und weiter: „Einige schwerverwundete Witboois wehrten sich in den Höhen des Flusses bis auf die letzte Patrone und mußten aus der nächsten Entfernung durch Schüsse in den Schädel getötet werden.“ Es handelt sich um den Goab, in dessen Flussbett ständiges Wasser zwischen Felsen ist – auch heute.

Witbooi selbst entkam mit wohl 500 Kämpfern, wohl wissend, dass es recht aussichtslos war, alle Dorfbewohner zu retten. 

Die wenigsten Toten wurden begraben, die Soldaten zündeten die etwa 200 Hütten mit vielen Leichen darin an, ebenso die noch nicht ganz fertig erbaute Steinkirche – das Dach war noch nicht fertig –, die laut Beschreibung Haufes enorm dicke Mauern hatte, die nicht mal die Kugeln der kaiserlichen 88er Mauser-Gewehre durchdringen konnten. 

Witboois Sohn erschossen

Der älteste Sohn von Witbooi wird bei der Verfolgung im nahegelegenen Flussbett des Goab von Reiter Schneidewind erschossen, wie Hauptmann Kurd Schwabe in seinem Buch „Mit Schwert und Pflug in Deutsch-Südwestafrika“ schrieb. Schwabe war bei der Erstürmung von Hornkranz noch Leutnant. Schneidewind war der Bursche von Schwabe. Eine Tante von Witbooi wurde auch erschossen, ebenso eine Schwägerin, ein Neffe und eine Schwiegertochter. 

Einen alten Mann, den Kirchenältesten von Hornkranz erschoss die Schutztruppe am nächsten Tag am 13. April mit drei Kugeln. Welchen Sinn seine Exekution hatte und warum er nicht mit den etwa 100 Gefangenen, zumeist Alte, Frauen und Kinder, nach Windhoek gebracht wurde, ist niemals geklärt worden. „Donnerstag, den 13. [April] – heute brennen wir Hornkranz nieder“, schrieb Schwabe. Er hat die brennenden Hütten gezeichnet und die Zeichnung in seinem Buch veröffentlicht. 

Die etwa 50 Gefangenen, darunter Witboois Ehefrau und eine halb erwachsene Tochter, wurden nach Windhoek gebracht. Laut Schwabe kam man langsam voran, wegen der verwundeten Soldaten und Kämpfer Witboois. 

Tote Soldaten

Die Schutztruppe hatte den Reiter Sakolowski verloren, er wurde „auf dem „Kirchhofe“ von Hornkranz beigesetzt, so Haufe. Der Reiter Bartsch wurde schwer verwundet, er starb einige Tage später. 

„Kriegs“-Beute

„Die in Hornkranz massenhaft vorhandenen Munitionsvorräte, Patronenmaschinen, Ambosse, Werkzeuge, Sättel, ein (durch Gefechtsschüsse durchlöchertes) Harmonium, mehrere Geigen, Flinten, Messer bildeten eine Wagenladung für sich“, schrieb Haufe. „Außerdem wurden hunderte Ochsen, Schafe und Ziegen, sowie ein Trupp Pferde als gute Beute erklärt und nach Windhuk mitgeführt.“ Das Harmonium hatte Witbooi aus der Kirche in Gibeon nach Hornkranz gebracht. Eine Geige gehörte Klein-Hendrik Witbooi, ältester Sohn von Kaptein Witbooi. Er war Lehrer und Prediger der Gemeinschaft und ihr Chordirigent. Auf dieser Geige hatte Klein-Hendrik Witbooi oft den Chor begleitet. 

Journale

Die Truppen erbeuteten ebenfalls eine Kiste mit Aufzeichnungen Witboois, die sein Sekretär schrieb und aufbewahrte. Darunter befanden sich handschriftlich kopierte Briefe, Gesprächsprotokolle, Tagebucheintragungen. Einige dieser „Journale“ wurden im Tintenpalast aufbewahrt. Seit 1948 befindet sich ein Journal in Namibias Nationalarchiv und ist inzwischen mit anderen wiedergefundenen Schriften Witboois dort in einem Tresor untergebracht. Die beiden anderen Journale gelangten nach Deutschland und wurden erst Anfang der neunziger Jahre nach Namibia zurückgebracht. Alle Journale dort dürfen nur mit Sondergenehmigung besichtigt werden. 

2007 wurden Witboois Journale auf Antrag Namibias als Weltdokumentenerbe der UNESCO eingetragen.

Familienbibel

Auch Witboois Bibel wurde erbeutet. Sie befindet sich noch heute in Deutschland im privaten Linden-Museum für Völkerkunde in Stuttgart. Neun Jahre nach dem Überfall auf Hornkranz wurde die Bibel informierten Kreisen zufolge von Kurd Schwabes Familie dem Museum geschenkt. Die Familie Witbooi hat sich seit 2013 bisher vergeblich darum bemüht, diese Bibel zurück zu erlangen. 

Brutale Handlungen

In einem Brief an den Rehobother  Basterführer Hermanus van Wyk schrieb Witbooi sechs Tage nach dem Überfall am 18. April 1893 aus dem zerstörten Hornkranz: „Von Francois griff am frühen Morgen unsere Werft an, als wir nichts ahnend noch schliefen. Ich war nicht mobilisiert, ich wußte nichts von einer Mobilmachung gegen mich, meine Männer waren unvorbereitet. Die wenigen Waffen mit Munition die wir hatten, waren in Kisten verstaut. Wir konnten [den Angriff] nicht zurückschlagen, der Hauptmann [von Francois] drang in unsere Werft ein und plünderte sie auf eine so brutale Weise wie ich es nie von einem Mitglied der weißen Zivilisation erwartet hätte – einer Nation, die Kriegsregeln kennt.“

Amtsrichter John Cleverly

In seinem Brief vom 20. April 1893, ebenfalls aus Hornkranz teilte Witbooi dem britischen Amtsrichter (Magistrat) John Cleverly in Walvis Bay mit, dass die kaiserlichen Soldaten 75 Frauen und Kinder sowie 10 Männer „brutal getötet“ und ihre Leichen verbrannt hatten. 

Cleverly nahm einige Zeit später eidesstattliche Erklärungen von Klein-Hendrik Witbooi sowie Witboois Stellvertreter Johann Keister zu dem Angriff auf, ebenso von dem Gefolgsmann Petrus Jefta. Die Einzelheiten sind erschütternd. Klein-Hendrik erklärte, dass die Frauen in Hornkranz zuerst nicht flüchteten, als sie die weißen Soldaten sahen. Sie dachten „sie seien sicher, diese würden nicht auf sie schießen“, so Klein-Hendrik und Keister.

„Die Frauen und Kinder, die sie in den Häusern entweder erschossen oder verwundet hatten, haben sie nicht rausgeholt, sondern verbrannten die Häuser mit ihnen. Wir wissen ganz sicher, dass mindestens drei verletzte Frauen, Mutter und zwei Töchter, in den Häusern lebendig verbrannt wurden“, gaben Klein-Hendrik und Keister in ihrer eidesstattlichen Erklärung an.   

Gründe für den Überfall

Von Francois wollte mit diesem Überfall auf Hornkranz der einheimischen Bevölkerung die Stärke der kaiserlichen Kolonialmacht demonstrieren. Witbooi hatte kurz zuvor während eines Besuchs des Hauptmanns in Hornkranz einen „Schutzvertrag“ mit dem Kaiserreich abgelehnt. Witbooi hatte den Vertrag als unnötig betrachtet. Für Witbooi waren die Deutschen Eindringlinge in seinen Gebieten. 

„Bisher hatten sich die Stämme die Waage gehalten und die Deutschen hatten sich deshalb im Lande behaupten können, weil die Herero und Witbooi im Kriege miteinander lagen und deshalb die Gefahr nicht erkannten, die mit dem Kommen der Deutschen ihrer Selbständigkeit erwachsen war“, schrieb Otto von Weber in seinem Buch über die „Geschichte des Schutzgebietes Deutsch-SWA“. Die „Eingeborenen“ sollten durch den Überfall auf Hornkranz Achtung vor dem deutschen Kaiserreich bekommen, so von Weber. 

Weitere Gefechte

Schon am 18. April 1893, nur wenige Tage nach dem Überfall hatte Witbooi mit seinen Kämpfern von einem Pferdeposten bei Aredageigas westlich von Windhoek viele Pferde der Schutztruppe gestohlen. Bei Ganab in der Nähe erbeutete er 120 Pferde von dem Kaufmann und Farmer August Schmerenbeck. Einen Monat später wurden einige Soldaten wieder nach Hornkranz entsandt. Sie verschanzten sich in der verlassenen Kirche und brachten Schießscharten in den Mauern an. Hornkranz „war durch Leichengeruch verpestet …denn die Witbooi hatten nur die Vornehmen unter den [eigenen] Gefallen beerdigt“, schrieb Otto von Weber. Ende Juni beschoss Witbooi Windhoek. Es gab weitere kleinere Scharmützel 1893. Im Juli 1893 wurden die Soldaten von Hornkranz abgezogen. 

Frieden 1894

Nach den Gefechten in den Naukluftbergen vom 27. August bis 11. September 1894 unterschrieb Witbooi am 15. September 1894 den Schutzvertrag mit der Kolonialregierung. Der Frieden währte zehn Jahre lang. Im Januar 1904 begann der Herero-Aufstand. Hendrik Witbooi kündigte am 3. Oktober 1904 in einem Brief den Vertrag mit der Kolonialregierung und die Namas  beteiligten sich unter seiner Führung an dem Aufstand. Der inzwischen achtzigjährige Witbooi wurde am 29. Oktober 1905 verwundet, als er einen Ochsenwagen mit Proviant bei Fahlgras (heute: Vaalgras) im Süden des Landes überfiel. Soldaten der Schutztruppe verfolgten Witbooi und seine Reiter. Es kam zu einem Schusswechsel, er wurde am Oberschenkel getroffen und verblutete nach einer halben Stunde. Sein Leichnam sollte nicht in die Hände der Deutschen fallen, er wurde hastig begraben, die Reiter verwischten alle Spuren und ritten mit ihren Pferden über die Grabstätte. Bis heute ist sein Grab nicht gefunden worden, eine Ebene dort trägt den Namen „Witboois Ende“. Witboois „Grab“ in Gibeon ist leer.  

Hornkranz 

Hendrik Witbooi hatte sich seit etwa September 1889 auf der Ebene, die als Hornkranz  bekannt ist, mit ungefähr 300 Gefolgsleuten niedergelassen und dort eine Siedlung – zur deutschen Kolonialzeit sagte man allgemein Werft – aufgebaut. Witbooi hatte Gibeon wohl wegen des angespannten Verhältnisses zu seinem Vater Moses Witbooi verlassen und war nordwärts gezogen. Das Wasser im nahen Goab-Rivier zwischen den tiefen Felsen versiegte auch im Winter nicht. „Mitten hindurch (Hornkranz) zog sich ein Flußbett“, beschrieb der Händler Ludwig Conradt die Siedlung. 

Conradt erwähnt in seinem Buch „Erinnerungen aus zwanzigjährigem Händler- und Farmerleben in Deutsch-SWA“, warum oben auf der Umfriedungsmauer  der großen Siedlung weiße Quarzsteine lagen: „...damit, wenn ein Witbooi seinen Kopf mit dem von einem weißen Tuch umwundenen Hut darüber steckt, dieser nicht zwischen den weißen Steinen zu unterscheiden war.“ Die Mauer war laut Conradt etwa 2 km lang.

Einige Hütten erstreckten sich auch jenseits des Westufers, wo zerklüftete Felsen und kleine Schluchten zu einer Anhöhe führen. Auch dort waren Schanzen aus Felsbrocken, teilweise mit weißen Quarzsteinen obenauf. Einige Schanzen sind heute noch erkennbar. Schwabe wies in seinem Buch darauf hin, dass die meisten der Siedlungen von kleinen Schanzen umgeben waren. Witbooi hatte Hornkranz nicht mehr als festen Wohnsitz benutzt.

Polizeistation

Die deutsche Kolonialmacht errichtete auf dem ehemaligen Gefechtsplatz Hornkranz eine Polizeistation. Dieses Gebäude wurde später Wohnhaus der verschiedenen Farmbesitzer, ergänzt mit einigen Anbauten. Auch der jetzige Farmbesitzer bewohnt das Haus. Der Denkmalsrat hat noch vor Namibias Unabhängigkeit einen Gedenkstein am Haus erreichtet. Die Familie Witbooi hat einen eigenen Gedenkstein hinter dem Haus errichtet.  

Nach 125 Jahren

Der brutale Überfall auf Hornkranz hat bisher wenig Beachtung bei Historikern gefunden. Am 12. April 2018 wird das Geschehen 125 Jahre her sein, Zeit für ein offizielles Gedenken. Es wäre auch symbolisch wichtig, wenn die Bibel von Hendrik Witbooi nach 125 Jahren endlich an die Familie Witbooi zurückgegeben werden könnte.

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